Die richtige Schreibweise
Sonntag. Da war doch noch was. Ein Wahl*. So ein wirklich dickes Ding. Und keinen interessiert es so richtig. Am wenigsten die Politik.
Unter den Europa-Abgeordneten kursiert vermutlich folgender Witz:
»Wie buchstabieren die Wähler Europa?« - »Euro? Pah!«
In den Niederlanden und anderswo wählen die Leute haufenweise rechte und rechtspopulistische Europa-Hasser. In England straft man seine Regierung ab und im Übrigen herrscht eine zunehmend nationalisierende, europa-abgewandte Stimmung in den Völkern.
Gibt es überhaupt noch überzeugte Europäer?
Auf die Frage, ob sie sich in Europa heimisch fühlen, würden die meisten wohl mit Ja antworten, in dem Sinne, daß man sich in Groningen genauso wohl und heimisch fühlen kann, darf und mag, wie in Collioure oder in Oldenburg oder sonstwo. Natürlich gibt es Unterschiede, aber man darf sich eben (meistens) heimisch und willkommen fühlen.
Was läuft schief?
Die deprimierende Antwort lautet: fast alles!
Die Bürger Europas fühlen sich nicht zu unrecht durch eine monströse, von tausenden Lobbyisten bedrängte Bürokratie bevormundet und dementsprechend machtlos.
Die etablierten Parteien nutzen das europäische Parlament schon viel zu lange als Abschieberampe für abgehalfterte Politikerdarsteller - und die wenigen Abgeordneten, die Europa ernst nehmen, verzweifeln an der Schwerfälligkeit des Systems, an der mangelnden Unterstützung durch ihre eigenen Parteien, an ihrer Unbekanntheit und mehrheitlichen Unwirksamkeit.
Alles zu spät?
Nicht unbedingt. Europa ist noch lange nicht am Ende, denn den meisten ist mehr oder weniger schmerzlich bewußt, daß wir nicht ernstlich als Einzelstaaten bestehen könnten. Nicht mehr, denn dafür ist Europa schon viel zu verästelt und verwurzelt. Außerdem könnte kein Belgien, kein Luxemburg aber auch kein Deutschland oder Frankreich, auf sich allein gestellt, in der globalisierten Welt überleben. In Schreckensbildern versuchen die Medien uns dieses Bild ja auch zu visualisieren, aber das geht natürlich gerne mal ins Lächerliche.
Was tun?
Na klar, wählen gehen. Aber wen? Die etablierten Parteien glänzen durch Hilflosigkeit, was Europa angeht. Kaum werden europäische Themen auch nur gestreift. Es ist ja auch Wahlkrampf in »Schlaand, Schlaand« (Fußballfan-Ruf, EM 2008).
Werde ich etwas bewegen, wenn ich die
Piraten-Partei wählen gehe?
Keine Ahnung, aber immerhin ist es eine wirklich europäische Partei, gegründet in Schweden, angetreten, um gegen die europa-, oder sogar weltweit zunehmende staatliche Gängelung des Internet zu kämpfen. Und mittlerweile in vielen europäischen Staaten angekommen, weil sich die Internet-Nutzer schon lange nicht mehr in staatlichen Grenzen fest- und aufhalten wollen, sondern eben: wirklich global denken.
Benutzer sozialer Netze wie
Twitter,
identi.ca, Facebok & Co. interessieren sich immer weniger dafür, wo sich das Gegenüber, mit dem kommuniziert wird, gerade befindet.
Nein, das stimmt so nicht.
Denn gerade auf Twitter und identi.ca kann man erleben, wie Verbindungen quer durch Europa geknüpft werden. Einige nervt es zwar, aber der allmorgentliche Begrüßungsritus quer durch die Welt erfüllt einen tiefen kommunikativen wie auch sozialen Zweck, es dient nämlich dem Knüpfen und festigen sozialer Strukturen, die so erst seit wenigen Jahren möglich sind, und die die Völkerverständigung überhaupt auf eine ernstzunehmende Stufe heben.
*Nö. Kein Tippfehler. Mehr so der notwendige Kalauzusammenfasser.