gegründet 1.4.2001
erscheint unregelmäßig
Der abgeschlossene Roman

Eine unterhaltsame Kleinigkeit für zwischendurch von unserem Autor
Åke Järnvägsstationen

Gut geschraubt ist halb gewonnen

Wird es die patente Frau Liebergeld auch diesmal schaffen, die Katastrophe zu verhindern?

»Wann beginnt die Pressekonferenz?«, fragte Büroleiter Martens. Er schaute hektisch zu Frau Liebergeld hinüber. »Um 15:30«, antwortete diese nach einem Blick auf den Notizblock. »Oh Gott, oh Gott, oh gottohgottohgott, das schaffen wir nie!« Martens stand kurz vor einem Zusammenbruch.

»Das sind ja nur knapp zwei Stunden und wir müssen noch einen Testlauf machen!«

Frau Liebergeld versuchte vergeblich, ihn zu beruhigen. »Aber Chef, das schaffen wir schon, wir haben das doch so oft geschafft.«

»Aber nicht in verdammten zwei Stunden!« Martens sank in seinem Bürosessel zusammen. Er atmete schwer. Doch dann ging ein Ruck durch ihn, denn er erinnerte sich an die Worte seines großen Mentors: »Martens, altes Weichei, es muß ein Ruck durch Sie gehen!«, hatte ihn der ehemalige Bundespräsident ein ums andere Mal angeraunzt.

Plötzlich erwachte die alte Tatkraft in ihm. Er, Martens, würde es schaffen. Er würde es allen zeigen. Ihnen beweisen, daß er noch lange nicht zum alten Eisen gehörte. Jawohl. Er würde seinen Chef retten.

»Na, dann wollen wir mal.« Etwas schwerfällig erhob er sich aus seinem Chefsessel, zog sein Schlüsselbund aus der Jackentasche und schloß seine Schreibtischschublade auf. Dort befand sich ein weiterer Schlüssel, mit dem er nun den hinter einem Portrait seines Chefs befindlichen Safe öffnete. Bzw. öffnen wollte, denn es gelang ihm nicht, das Portrait von der Wand zu entfernen.

»Verdammt noch mal, wer hat das Portrait denn an die verdammte Wand geklebt?«, brüllte er.

Frau Liebergeld wurde zuerst weiß und dann rot im Gesicht. »Sorry Chef, ich dachte ... naja, ich dachte sicher ist sicher. Damit keiner auf dumme Gedanken kommt und schon mal das Bild hier austauscht!«

Martens beruhigte sich. »An sich ist das ja gut mitgedacht, meine Liebe, aber wie soll ich denn nun an den verflixten Schlüssel und die Wartungsanleitung herankommen?«

Die wie stets patente Frau Liebergeld wußte natürlich sofort Rat. Mit einer geschickten Handbewegung zauberte sie einen Kuhfuß, auch bekannt als Brechstange, hinter der Tür hervor, klemmte diesen hinter das Bild und begann kräftig daran herumzubrechen. Nach einigen Mühen löste sich das Bild endlich von der Wand. Es war allerdings nicht mehr ganz in dem Idealzustand, in welchem es eben noch an der Wand gehangen hatte. Dort, wo sich gerade noch das linke Auge ihres höchsten Chefs befunden hatte, klaffte nun ein ansehnliches, gräßliches aber irgendwie auch passendes Loch. Das selbstgefällige Grinsen war nun durch einen tiefen Riß ins Grauenhafte verzerrt worden. Insgesamt verlieh dies dem »alten Quatschkopf«, wie sie ihn hier intern nannten, den Ausdruck eines ewigen Untoten, der sich gerade daranmacht, Einen genüßlich verspeisen zu wollen.

Aber immerhin, sie hatten den Schlüssel und die Wartungsanleitung. Nun hieß es aber »flott, flott und bloß nicht trödeln!«, wenn sie es noch rechtzeitig schaffen wollten.

Martens ging zum Bücherregal und zog das »Buch, das niemand kannte« heraus. Daraufhin verschwand das Regal und der Zugang zum geheimsten Raum im ganzen Gebäude öffnete sich.

Da war er!

Er sah gut aus. Verdammt gut. Eichenhölzern und schmiedeeisern, beste Vorkrisenware. Er saß, wie immer, auf seinem Stuhl. Regungslos. Vollkommen regungslos.

Aber das war ja auch kein Wunder, denn er war ja auch noch nicht betriebsbereit.

Martens nahm nun die Wartungsanleitung zur Hand und begann mit der Überprüfung. »Triefzustand der Augen?« - »OK!«

Frau Liebergeld fragte der Reihe nach alle Punkte ab, und nach der Bestätigung durch ihren geliebten Chef hakte sie die einzelnen Punkte dann ab. »Stoischer Blick?« »Moooment, ... OK!« »Mundwinkel?« »Hängen exakt auf 32 Grad.«

So gingen sie die Wartungsalleitung Punkt für Punkt durch. Nach eineinhalb Stunden waren sie fast fertig.

»Puh! Vielleicht haben Sie Recht und wir schaffen es doch!« Hoffnung keimte in Martens' Blick auf. »Aber ich habe einen Durst, das ist ja unmenschlich!«

»Chef, dafür haben wir nun wirklich keine Zeit. Denken Sie daran: die elektrische Krawatte ist noch nicht installiert, das Hohngelächter muß noch poliert werden und wir haben den hundertprozentigen Sitz noch nicht überprüft!«

Martens wurde auf einmal schwarz vor Augen.

»Scheiße! Das hatte ich ja ganz vergessen!«

Punkt 344 auf der Liste, ganz unten, aber der wichtigste überhaupt. Der bombenfeste Sitz ihres Chefs. Martens schüttelte sich. Beim letzten Mal war es gerade noch einmal so eben gut gegangen. Ob es dieses Mal noch klappen und halten würde, war nicht sicher.

Das war das Schlimmste was passieren konnte. Daß nämlich ihr Chef, womöglich noch vor den laufenden Kameras während der Pressekonferenz von seinem Stuhl kippen würde.

Sie wagten den Versuch, denn schließlich kam es diesmal wirklich darauf an. Martens und Liebergeld nahmen Anlauf und versuchten mit aller Macht, ihren Chef vom Stuhl zu stürzen.

Aber er widerstand.

Zumindest den ersten Versuch.

Beim dritten Mal allerdings bewegte sich etwas.

»Verdammte Scheiße, ich hab's ja gewußt!«, brüllte Martens.

Beim siebten Versuch kippten sie den »Quatschkopf« tatsächlich aus seinem Sessel. Der Superkleber hatte versagt.

»Gottseidank haben wir es erst einmal hier getestet, so wie es in der Anleitung steht, aber was machen wir nun, wenn auf den Superkleber kein Verlaß mehr ist?«

Martens war ratlos.

Martens war kopflos.

Martens war seinen Job los!

Verzweifelt wimmernd sank er in sich zusammen. Es war zwecklos. Nun blieb nichts, als auf der Pressekonferenz den Sturz zu verkünden.

Er schluchzte in sich hinein.

Zehn Jahre.

Zehn verdammte Jahre.

So lange hatte er alles unternommen, um diese Katastrophe zu verhindern. War immer erfolgreich gewesen. Hatte alles erreicht und war schließlich ja auch zum Büroleiter in geheimer Mission aufgestiegen.

Und nun das.

Plötzlich legte sich eine Hand beruhigend auf seine Schulter. Es war die Hand seiner liebevoll untergebenen Frau Liebergeld.

»Aber Chef«, beruhigte sie ihn. »Haben Sie denn gar kein Vertrauen in ihre Lieblingsuntergebene? Was, denken Sie, ist das hier? Und das hier? Und das hier?«

Martens schaute sich verwirrt um. Tränenblind konnte er zunächst kaum etwas erkennen.

Neben ihm befand sich ein alter Werkzeugkasten, ein Eimer, der mit einer bleichen Flüssigkeit gefüllt war, sowie einige Schraubzwingen.

Ach - seine Lieblingsuntergebene hatte wieder an alles gedacht und heimlich ihren Werkzeugkoffer mitgebracht.

»Ja, und im Keller hatte ich noch etwas von diesem Spezialleim«, grinste sie.

Behende öffnete sie nun den Leimeimer und pinselte das Hinterteil ihres obersten Vorgesetzten damit ein. Dann plazierten sie ihn gemeinsam auf dem Sessel und sorgten für die perfekte, unverrückbare Sitzposition. Mit den Schraubzwingen sorgte Frau Liebergeld nun für den nötigen Halt.

»Und das soll nun besser halten, als vorher?« Martens blickte sie skeptisch an.

Frau Liebergeld zeigte ihm ihr breitestes Grinsen.

»Natürlich nicht, aber wir sind ja auch noch nicht fertig.«

Nun öffnete sie ihren guten alten Werkzeugkoffer und entnahm diesem einige 100 Milimeter-Holzschrauben sowie einen Akkuschrauber. Mit flinken, geübten Bewegungen schraubte sie nun eifrig das Hinterteil an der Sitzgelegenheit fest.

Endlich geschafft. Sie konnten nun die Schraubzwingen entfernen und den ganz großen Schlüssel holen.

In einer Glasvitrine befand sich ein ulkig aussehender Schlüssel, der an Spielzeugmäuse und Aufzugautos erinnerte. Diesen steckten sie nun in eine Öffnung auf dem Rücken ihres Obersten und drehten ihn einige Male herum.

Knarzend öffnete der »Quatschkopf« nun den Mund.

Zunächst kamen nur Knarz- und Quietschgeräusche, doch dann formierten sich einzelne Sätze: »Das ist keine Option für mich« - »Ich finde diese Vorwürfe verletzend und ungerecht« - »Nein, ich werde nicht zurücktreten...«

Wunderbar, er funktionierte.

Nun rollten sie ihn auf seiner Plattform aus dem Raum in einen Spezialaufzug, der sie direkt dorthin brachte, wo die Pressekonferenz angesetzt war.

Keine Minute zu früh. Bereits nach wenigen Augenblicken füllte sich der Raum es konnte losgehen.

*

»Herr Mehdorn, was werden die Konsequenzen aus dieser Affäre sein? Werden Sie nun endlich zurücktreten?«

Es knarzte gefährlich, aber nun kam es:

»Das ist keine Option für mich.«

Martens war glücklich.

»Das ist keine Option für mich. Das ist keine Option für mich. D..Das ... Dasssssssssssissssssssssssssssspffffffffffffff...«

Martens schrak zusammen. Was zum Teufel war das?

Der mechanische Quatschkopf glühte. Es zischte und stank angebrannt. Unter seinem Hinterteil stiegen Rauchwolken auf. »Daaas issst keiiine ...« Es knarzte und krachte. Mit einem unbeschreiblichen Knall flog er schließlich durch die Luft, knallte an die Decke und das letzte, was die Mikrofone aufzeichnen konnten war: »Ich trete zurück, das war eine miese Kampagne gegen mich!«

Martens starrte Frau Liebergeld an, doch diese zuckte nur entschuldigend mit den Schultern. »Die Schrauben waren wohl zu tief drin, da muß ein Kabel getroffen worden sein.«

 

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