gegründet 1.4.2001
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Der Elch im Schillerjahr

Die Elche sollen im Schillerjahr natürlich auch nicht leer ausgehen, dachte sich der berühmte Schillerforscher Åke Åkeström, grub in Schillers Balladen nach Elchen - und wurde prompt fündig.

"Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich
Damon, den Dolch im Gewande"

Diese Zeilen kennt jeder, der einmal in Deutschland die Schule besuchen durfte.
Was jedoch kaum jemandem bekannt ist: im Erstdruck (Musenalmanach, 1799) heißt es "Möros" statt Damon.
Möros? Genau. Möros. Und was, fragt der aufgeklärte Leser nun, hat das mit Elchen zu tun?

Halten wir doch mal ein Ohr in den schwedischen Wald zur Brunftzeit des Elches. Was hören wir denn da? "Mööööööööö, Mööööööööö, Möööööööö", so schallt es uns entgegen. "" bedeutet Jungfrau auf Schwedisch - und damit ist ja auch schon klar, wonach der Elch da ruft. Wie schreibt schon Esaias Tegnér der Ältere (1782 - 1846) in der Frithiofs Saga:

"O, den som nu med dig fick dö
och segrande till gudar fore
i famnen på sin bleka !"

Und etwas weiter unten:

"Så smärt som stjelken af en lilja,
så fyllig som en mognad ros!"

Hier findet sich zum ersten Mal eine eindeutige Verbindung zwischen (Jungfrau) und ros (Rose) in der schwedischen Literatur. Seitdem zieht sich eine Spur von Jungfrauen und Rosen wie ein roter Faden quer durch die schwedische Kultur. Man könnte sogar behaupten, Tegnér habe den Elch aus den Wäldern direkt in die Poesie geführt. Denn es läßt sich vermuten, daß er die entscheidende Eingebung für diese Zeilen bei einem Spaziergang im wärmländischen Wald zur Zeit der Elchbrunft bekam. Noch fehlen zwar die direkten Beweise, jedoch findet sich schon bald ein entscheidender Hinweis - denn warum sonst läßt F.A. Dahlgren bereits im Todesjahr Tegnérs 1846 das Stück Wermlänningarne (die Wärmländer) im Königlichen Theater aufführen?

Hier läßt er Anna, die Tochter des Kätners Jan Hansson die folgenden Worte sagen:

"Och svara, du ros, nu till mitt behag,
Om kärasten han vill mig ha."

Und Erik, dem Sohn des Schöffen Sven Ersson legt er die folgenden Worte in den Mund:

"Se'n tog jag i famnen min vänaste ,
Och sporde den kära:
'Vill du mej förära
Till fästning en kyss nu så rosenderöd?' "

Auch die schwedische Musik führte später das Thema fort, wie der Walzer "Calle Schewens vals" von Evert Taube (1890-1976), der übrigens im Gegensatz zu beispielsweise Beethoven recht gut hören konnte, sehr schön beweist:

"Här dansar Calle Schewen med Roslagens
och solen går ned i nordväst.
Då vilar min blommande ö vid min barm,
du dunkelblå, vindstilla fjärd
och juninattsskymningen smyger sig varm
till sovande buskar och träd.
Min älva, du dansar så lyssnande tyst
och tänker, att karlar är troll.
Den skälver, din barnsliga hand, som jag kysst,
och valsen förklingar i moll.
Men hej, alla vänner, som gästa min ö!
Jag är både nykter och klok!
När morgonen gryr, ska jag vålma mitt hö
och vittja tvåhundrade krok.
Fördöme dig skymning, och drag nu din kos!
Det brinner i martallens topp!
Här dansar Calle Schewen med Roslagens ros
han dansar till solen går opp!"

Karl-Erik Tallmo (*1953) schließlich, führt Jungfrau und Elch wieder zusammen:

"16/1, skrivet:
lllllllllllll l l l llllll 8llF blag8at m Blod. Ute på
haaaaaaet gråtu bö ö bö ö bö ö gråtu bönöen haaaaetTTT
gråaaatu u mö ö mö ö mö ö gråtu ute 2 haet. 8aalF hr de en
v8arsn BåT."

[http://www.nisus.se/tallmo/prose/tackel.html]

Wie kommt es aber nun zur Verbindung zu Friedrich Schiller, der ja wesentlich früher wirkte und dichtete? Nun, vielleicht besaß bereits Tegnér, des Deutschen durchaus mächtig, den Musenalmanach von 1799. Von Schiller ist leider nicht bekannt, wie dessen Schwedischkenntnisse waren, so daß nicht ganz klar ist, ob Schillers Rosenjungfrau nun einen Re-Import ins Schwedische durch Tegnér darstellt und ob nicht Schiller bereits frühere Spuren des schwedischen Elchgesanges in sein Werk einfließen ließ. Unbestätigten Gerüchten zufolge soll jedoch eine handschriftliche Vorversion der Bürgschaft existieren, welche den später offensichtlich verworfenen Wortlaut aufweist:

"Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich
Möros, den Elch im Gewande"

Und wenn das kein Beweis ist!

Paul Klein